Wie eine rotbraune Wunde im Gebirg – Bemerkungen zum Waldbrand auf dem Tösberg in Schramberg

Blick auf die Waldbrandfläche Tösberg Schramberg, linke Bildhälfte die Waldbrandfläche am Tösberg, rechte Bildhälfte des Schlossberg mit der Burgruine Hohenschramberg, im Vordergrund die östliche Frontseite der ehemaligen Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik (H.A.U.), © Christophe Neff 23.08.2028

„Wie eine rotbraune Wunde im Gebirg“ erschien mir die Waldbrandfläche auf dem Tösberg in Schramberg, als ich diese am Sonntag, den 23.08.2026, von der Aussichtsplattform an der B462 oberhalb von Schramberg fotografierte. Daneben ockergelb die vertrockneten Bäume und Sträucher auf der Flanke des Schlossberges zwischen Talstadt und Aussichtshäusle. Ich kam von einer kleinen Familienfeier auf der Alb „ra“, und da die A 81 zwischen Herrenberg und Stuttgart mal wieder zugestaut war, hatten wir uns entschlossen, über den Schwarzwald, das Kinzigtal zurück in die Pfalz zu fahren. So gelb und trocken, wie an diesem Tag, war mir das Kinzigtal bisher in meinem Leben noch nie erschienen. Das ähnelte schon den ausgetrockneten Landschaften des Hochschwarzwaldes um Herrenschwand, die ich in meinem letzten Blogbeitrag „Blognotiz 05.08.2026: Der Waldfrieden – Ruhe tanken im Hochschwarzwald“ beschrieben hatte.

Den Waldbrand in Schramberg, der am Abend des Sonntags, dem 15. August, am Fuße des Tösbergs ausbrach, hatte ich durch „Posts“ von Freunden aus Schramberg in den sozialen Netzwerken mitbekommen. Ich saß am Notebook und wollte gerade einen Blogbeitrag auf Französisch über den Waldbrand im Hohen Venn verfassen, als die ersten „Bildnachrichten“ vom Waldbrand in Schramberg bei mir „aufflackerten“. Der Waldbrand im Hohen Venn, den ich damals und jetzt noch für eine der größten Waldbrandkatastrophen in Mitteleuropa in diesem Jahrtausend halte. Da wird es bis in den beginnenden Winter noch einzelne Moorflächen geben, die unterirdisch vor sich hin glühen. Die Glutnester können ja metertief im Torf quasi unbemerkt langsam „verglühen“. Torfbrände endgültig zu löschen, das ist schon ein richtig schwieriges Unterfangen. Im Frühjahr 2011 hatte es im Hohen Venn schon mal einen großen Waldbrand gegeben, das war aber in den internationalen Medien nie richtig wahrgenommen worden[1]. Nach diesem Brand hatte ich mir eigentlich vorgenommen, das Hohe Venn zu besuchen, um die Regenerationsprozesse der Vegetation etwas näher unter die Lupe zu nehmen, aber dazu ist es leider nie gekommen. Aber das lässt sich ja vielleicht irgendwann nachholen.

Was den Schramberger Waldbrand betrifft, erhielt ich dann am Montag, den 17.08.2026, eine Interviewanfrage von der Lokalredaktion des Schwarzwälder Boten, die ich auch beantwortete. Das Interview erschien dann unter dem Titel „‚Das hat mich nicht überrascht‘ – Interview: Christophe Neff hat seit Jahren vor einer zunehmenden Waldbrandgefahr im Schwarzwald gewarnt. Dass es nun in seiner Heimat Schramberg zu einem Großbrand gekommen ist, überrascht den Vegetationswissenschaftler nicht“ am Mittwoch, den 19.08.2026, in der Printausgabe der Regionalausgabe „Schramberg“ des Schwarzwälder Boten. Eine Zusammenfassung des Interviews findet man hier auf KITopen. Das ist, denke ich, ein ganz nettes, lesenswertes Interview geworden. Wobei sich im Vorspann ein kleiner Fehler eingeschlichen hat, der mir selbst beim Lesen der Korrekturfahne nicht aufgefallen war. Nein, ich bin nicht in Schramberg geboren, sondern in Tübingen[2]. In Schramberg bin ich aufgewachsen und habe dort auch am hiesigen Gymnasium mein Abitur abgelegt. Nach Schramberg kamen wir, weil mein Vater dort in den 1960er Jahren – es müsste so 1967 gewesen sein – seinen Schuldienst antrat, am selben Gymnasium, an dem ich 1984 mein Abitur ablegte[3]. Er verstarb dann im Schuldienst an einer Krebserkrankung im Januar 1992. Damals war ich noch Geographiestudent an der Universität Mannheim und bereitete gerade meine Diplomarbeit über die Waldbrandrisiken in den Garrigues de Nîmes vor[4],[5] . Das Waldbrandthema begleitet mich also schon seit Jahrzehnten.

Wenn man die „Brandwunde“ am Tösberg unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, kann man sagen, dass die Bewohner der Talstadt Schramberg ein wahnsinniges Glück hatten, dass die Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, Polizei etc. unter der Leitung des Stadtbrandmeisters Patrick Wöhrle das so gut in den Griff bekommen haben – „Chapeau“. Das hätte auch in einer Katastrophe enden können. Dank dem beherzten Eingreifen der „Rettungskräfte“ sind wohl nur ca. 20 ha Waldfläche den Flammen zum Opfer gefallen. Dennoch wird das bestimmt einer der größten Waldbrände im Schwarzwald seit dem zweiten Weltkrieg gewesen sein.

Ich halte Schramberg persönlich für bestimmt eine der waldbrandgefährdetsten Städte im deutschen Südwesten. In einem Talkessel gelegen und rundum vom Wald umrandet. Das hat a priori erst mal gar nichts mit dem Klimawandel zu tun[6]. Auch ohne Klimawandel wären da Waldbrände schon ein Problem. Gleiches gilt übrigens auch für Überschwemmungen und Starkregen. Der Klimawandel steigert das Risiko eines Waldbrandes dazu noch erheblich. Lange Hitze- und Dürreperioden trocknen die Wälder richtig aus, und wenn es dann aus was für Gründen auch immer (Blitzschlag, Fahrlässigkeit, Brandstiftung) zu einer Entzündung kommt, dann kann es ziemlich rasch zu einem kaum kontrollierbaren Waldbrandszenario kommen. In Schramberg wird das Ganze auch noch die „Californisation“ verschärft, die enge Verzahnung von Wald und Siedlung, die im US-englischen Sprachgebrauch auch als „Urban-Forest Interface“ oder auch als „Wildland–urban interface“ bezeichnet wird[7].

Ich habe im November 2010 auf Anregung der damaligen Kommandantin der Feuerwehr Schramberg, Abteilung Talstadt, Annette Melvin, einen Vortrag zu den Waldbrandrisiken im Landkreis Rottweil gehalten (Neff 2010b) – und schon damals ausdrücklich auf diese Risiken hingewiesen. Ein paar Monate vorher hatte ich in diesem Blog auch schon einen auf Französisch verfassten Blogbeitrag zum gleichen Thema unter dem Titel La Forêt progresse à Schramberg – et les risques d’incendies aussi“ (der Wald in Schramberg wächst – und die Waldbrandrisiken wachsen auch)“ verfasst (Neff 2010a).

Die Stadt Schramberg, in der ich aufgewachsen bin, die gesamte Raumschaft Schramberg, der Schwarzwald und viele andere „waldreiche“ Regionen in Deutschland werden sich in Zukunft auch intensiver mit der steigenden Waldbrandgefahr auseinandersetzen müssen und sich für die größeren Risiken wappnen. Da gibt es auch keine einfachen „Wunderlösungen“. Waldpatrouillen nach Vorbild der französischen „Patrouille Dangel“[8], wie sie in den französischen Mittelmeerdepartements schon seit den 1980er Jahren gibt, die man mit „Aufklärungsdrohnen“ kombiniert. Das könnte ggf. ein Lösungsansatz sein. Damit wäre gewährleistet, dass man den Waldbrand, das Vegetationsfeuer, auch kurz nach der Entzündung entdeckt und damit auch die Chance hat, es frühzeitig einzudämmen. Das weiter auszuführen würde diesen Blogbeitrag sprengen. Das werde ich später irgendwann etwas ausführlicher in diesem Blog besprechen.

Die Bewohner der Talstadt Schramberg, aber auch die Bewohner des Stadtteils Tennenbronn – ein Stadtteil, der zu meiner Schulzeit noch eine unabhängige Gemeinde war –, haben wirklich sehr viel Glück gehabt, dass das Ganze noch ziemlich glimpflich abgelaufen ist, dank dem professionellen Agieren der Feuerwehr aus Schramberg und Umgebung. Ganz ausgestanden dürfte es noch nicht ganz sein. Die Erfahrung aus der Waldbrandkatastrophe von Leuk–Albinen vom August 2003 war ja auch[9], dass sich im Wurzelraum der Bäume oftmals Glutnester noch über Tage hinweg „weiterglühen“, im Schwyzerdytsch auch als „motten“ bezeichnet[10]. Das könnte auch in Schramberg noch drohen. Es ist zumindest nicht ganz auszuschließen.

Man wird auch im Schwarzwald, so wie im mediterranen Süden oder auch in den Waldlandschaften Québecs in Kanada oder in den Wäldern der nordamerikanischen Pazifikküste, lernen müssen, mit den „Waldbrandrisiken“ zu leben. Der Klimawandel wird sich nicht mehr „zurückdrehen“ lassen – bestenfalls wird er sich wohl bremsen lassen. Deshalb wird man sich auch darauf vorbereiten müssen. Und selbstverständlich sollte man weiterhin daran arbeiten aus dem Fossilismus auszusteigen. Dazu gab es vor kurzen auch ein bemerkenswertes Interview des Schweizer Klimaforscher Reto Knuti im Züricher Tagesanzeiger[11]. Abgesehen vom Klimawandel sollte sich das was von der freien Welt noch übrig geblieben ist auch aus „geostrategischen Gründen“ schnellst möglich von der Abhängigkeit von fossilen Energien lösen.

Die Brandwunde am Tösberg in Schramberg wird irgendwann zugewachsen sein. Aber dass da wieder ein dichter Gebirgswald steht wie einst vor dem Brand, das werde ich wohl nicht mehr erleben. Es wird sich bestimmt eine interessante „Vegetationsdynamik“ auf der Waldbrandfläche ergeben. Man sollte das wie schon auf der Waldbrandfläche am Kirchberg in Schiltach geschehen systematisch analysieren[12]. In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf die vorbildlichen vegetationskundlichen Forschungen von Thomas Wohlgemuth[13] et al auf dem schon erwähnten Waldbrandflächen von Leuk-Albinen. Über die vegetationsdynamischen Prozesse nach Waldbränden in Mitteleuropa weiß man übrigens bisher viel zu wenig. Da gibt es noch sehr viele „Wissenslücken“ aufzuarbeiten!

Bibliographie und Quellen:

Grelu, J.L ;  Mercier, J. ; Renaud, Jean Pierre (1990). Le patrouillage : une opération de prévention des incendies de forêts dans le Gard. Revue forestière française, 1990, 42 (S), pp.272-277. ⟨Doi 10.4267/2042/26149⟩. ⟨hal-03425145⟩

Knuti, Reto (2026): Reto Knutti im Gespräch -Wer sich vom Hass nicht distanzieren kann, wird wahnsinnig», sagt der Schweizer Klimaforscher“ , Tagesanzeiger 13.08.2026

Neff, Christophe (1995) : Waldbrandrisiken in den Garrigues de Nîmes (Südfrankreich) : eine geographische Analyse. Mannheim 1995, Materialien zur Geographie, ISBN 3-923750-50-1. (Kurzzusammenfassung der Arbeit bei KITopen)

Neff, Christophe (2010a): La Forêt progresse à Schramberg – et les risques d‘ incendies aussi. Blog „Paysages: paysages et livres – Landschaften und Bücher – Landscapes and Books“, 14.10.2010, https://cneffpaysages.blog/2010/07/14/la-foret-progresse-a-schramberg-et-les-risques-d-incendies-aussi/  (letzter Abruf: 26.08.2026).

Neff, Christophe (2010b): Waldbrände in Mitteleuropa – Bestandsaufnahme und Zukunftsszenarien. Was kommt auf die Feuerwehren im Lkr. Rottweil zu?. KITopen, DOI: 10.5445/IR/1000149170

Neff, Christophe (2015a): Blognotice 15.08.2015: Incendies de forêt à Schramberg en Forêt-Noire et processus de californisation du paysage . Blog „Paysages: paysages et livres – Landschaften und Bücher – Landscapes and Books“, 15.08.2015, https://cneffpaysages.blog/2015/08/15/blognotice-15-08-2015-incendies-de-foret-a-schramberg-en-foret-noire-et-processus-de-californisation-du-paysage/  (letzter Abruf 26.08.2026)

Neff, Christophe (2015b): Sommer 2015 – zur Waldbrandgefahrenlage in der Raumschaft Schramberg (17.08.2015). Blog „Paysages: paysages et livres – Landschaften und Bücher – Landscapes and Books“, 17.08.2015, https://cneffpaysages.blog/2015/08/17/sommer-2015-zur-waldbrandgefahrenlage-in-der-raumschaft-schramberg-17-08-2015/  (letzter Abruf 26.08.2026). PDF des Textes bei KITopen, DOI: 10.5445/IR/1000156994

Neff, Christophe (2022): The Schiltach – Kirchberg fire succession site : Analyzing Post Fire succession in a submontan/montan mixed Abies alba forest (Schiltach/Black Forest/Germany). KITopen, DOI: 10.5445/IR/1000148831)

Neff, Christophe (2026): „Das hat mich nicht überrascht“ – Interview: Christophe Neff hat seit Jahren vor einer zunehmenden Waldbrandgefahr im Schwarzwald gewarnt. Dass es nun in seiner Heimat Schramberg zu einem Großbrand gekommen ist, überrascht den Vegetationswissenschaftler nicht. Das Gespräch führte Johannes Fritsche. Schwarzwälder Bote, Schramberg, Mittwoch 19. August, 2026.  (Zusammenfassung hier bei KITopen, PDF-Volltext ab August 2027 DOI: 10.5445/IR/1000196308)

Wohlgemuth, Thomas & Moser, Barbara (2009): Phönix aus der Asche: Die rasche Wiederbesiedlung. der Waldbrandfläche oberhalb von Leuk durch PflanzenBull. Murithienne 126/2008 : 29-46 (2009)

Wohlgemuth, Thomas et al. (2010): Leben mit Waldbrand. Merkblatt für die Praxis, Januar 2010

Wohlgemuth, Thomas & Moser, Barbara (2018): Zehn Jahre Vegetationsdynamik auf der Waldbrandfläche von Leuk (Wallis), Schweiz Z Forstwes 169 (2018) 5: 279–289

Photo:  © Christophe Neff 23.08.2028

Christophe Neff, Grünstadt 26.08.2026


[1] Siehe u.a.: « Vue de Grünstadt : – la saison des feux de forêts 2011 vient de commencer »

[2] Siehe u.a. „Der Neckar – literarische Spaziergänge mit Jan Bürger

[3] Mehr Biographisches findet sich im vom Martin Himmelheber für den Schramberger Stadtwerke verfassten Artikel „Schramberger Auswärts Wissenschaftler Christophe Neff Feuer und Flamme für Waldbrände“ (hier der Link zum PDF in KITopen: DOI: 10.5445/IR/1000164977)

[4] An der Universität Mannheim konnte man auch einmal « Geographie » studieren, siehe auch „Das Fach Geographie an der Mannheimer Hochschule“.

[5] Die Diplomarbeit wurde dann als kleines Büchlein unter dem Titel „Waldbrandrisiken in den Garrigues de Nîmes (Südfrankreich) : eine geographische Analyse“ 1995 veröffentlicht.

[6] Siehe auch Neff 2015b „ Sommer 2015 – zur Waldbrandgefahrenlage in der Raumschaft Schramberg (17.08.2015)“.

[7] Siehe auch « Blognotice 15.08.2015: Incendies de forêt à Schramberg en Forêt-Noire et processus de californisation du paysage »

[8] Hierzu siehe auch  « Grelu et al. (1990): Le patrouillage : une opération de prévention des incendies de forêts dans le Gard »

[9] Siehe u.a. « Feux de forêts et lectures de paysages méditerranéens: (Écologie et biogéographie des forêts du bassin méditerranéen ; The Nature of Mediterranean Europe – an Ecological History ; Le feu dans la nature – mythes et réalité) ».

[10] Siehe u.a. Wohlgemuth et al (2010) „Leben mit Waldbrand“.  Wortwörtlich „Das Feuer mottete mehr als zehn Tage weiter“ (S.1.)

[11] Siehe „Reto Knutti im Gespräch -Wer sich vom Hass nicht distanzieren kann, wird wahnsinnig», sagt der Schweizer Klimaforscher“ , Tagesanzeiger 13.08.2026.

[12] Vgl. Neff, C. (2022): The Schiltach – Kirchberg fire succession site : Analyzing Post Fire succession in a submontan/montan mixed Abies alba forest (Schiltach/Black Forest/Germany). KITopen, DOI: 10.5445/IR/1000148831)

[13] Siehe u.a. Wohlgemuth & Moser 2009 & 2018, sowie Wohlgemuth et al. 2010