„Mit großer Sorge – „mit brennender Sorge[1]““ – schrieb ich am Montag, den 07.09.2026, als Reaktion auf die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt vom vergangenen Sonntag in mein Tagebuch. „Mit brennender Sorge“ (lat.: Ardenti cura), das war die Enzyklika von Papst Pius XI., in der die Politik und Ideologie des Nationalsozialismus verurteilt wurden. Diese wurde am Palmsonntag, den 21. März 1937, in den katholischen Kirchen im damaligen Deutschen Reich verlesen. Daran musste ich tatsächlich denken, als ich das vorläufige amtliche Wahlergebnis in Sachen-Anhalt vernahm.
Immerhin gab es einen schwachen Trost: Das erklärte Wahlziel des „Durchmarsches in die absolute Mehrheit“ hat die AfD mit 43,8% der Wählerstimmen knapp verfehlt. Wobei man sich keinen Illusionen hingeben sollte. Die AfD wird es schon schaffen, einen AfD-Ministerpräsidenten im Landtag wählen zu lassen. Mit den Stimmen des BSW oder ein paar Überläufern von der CDU – oder beidem – dürfte das relativ problemlos gelingen. Das hätte aus AfD-Sicht den Charme, dass man für den Fall, dass falls doch nicht alles so glatt läuft beim „Durchregieren“, man schon einen „Schuldigen“ gefunden hätte.
Der „völkische Nationalismus“ in Deutschland war wohl schon lange in rechten Kreisen „salonfähig“, aber nun ist er eindeutig auch „mehrheitsfähig“. Auch wenn das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt absehbar war, empfinde ich es als verheerend. Überrascht hat es mich aber nicht: Vor über zwei Jahren hatte ich schon in einem französischen Blogbeitrag „De retour à Grünstadt – et les martinets se sont déjà envolés vers le Sud“ die Befürchtung geäußert, dass es Björn Höcke gelingen könnte, sich zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen zu lassen. Das ist zwar bisher nicht geschehen, aber der Aufstieg der AfD scheint bisher bei fast allen Wahlen ungebremst vor sich zu gehen. Und fürwahr nicht nur in Ostdeutschland.
In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Schramberg im Landkreis Rottweil feiert die AfD auch ihre stillen Triumphe – nur nimmt man das noch nicht so wahr. Der Spiegel berichtete im vergangenen Winter darüber: „Wenn man in der heilen Welt lebt, dann hat man auch viel zu verlieren[2].“ Der politische Erfolg der AfD ist längst nicht mehr auf „den Osten“ beschränkt. Davor sollte man auch die Augen nicht verschließen.
Vor vielen Jahren schrieb ich einen längeren Blogbeitrag mit dem Titel „Streckenbeobachtungen in der ‚France périphérique‘ – ein geographischer Kommentar zur ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2017 in Frankreich“ über den Zusammenhang von Wahlerfolgen des FN und der „Entleerung“ des ländlichen Raumes in Frankreich, die Streckenstilllegungen, das Sterben der „Bistros“ usw. Diese Zusammenhänge gibt es in Deutschland bestimmt auch. Die Infrastruktur im ländlichen Raum steht auch in Deutschland unter Druck: Krankenhäuser verschwinden, Hausärzte fehlen, in Süddeutschland verschwinden still und leise die „Dorfwirtschaften & Landgasthöfe – bzw. das „Wirtshaus“[3]“ – das waren einst die Schmelztiegel des Lebens auf dem Land. Im Norden und im Osten waren das eher die Dorfkneipen. Als ich noch vor meiner Erkrankung[4], viel doch den deutschen Südwesten reiste, ist das mir auch aufgefallen. Auch im deutschen Südwesten konnte ich die Prozesse der „Entleerung“ des ländlichen Raumes die ich Jahrzehnte lang schon in Frankreich beobachtete wahrnehmen. Die Stadt Schramberg in der ich aufgewachsen bin hat ihr Krankenhaus in den 2010 Jahren verloren – und die Bahnstrecke die einst Schramberg mit der weiten Welt verband, wurde Anfang der 1990 Jahre endgültig stillgelegt. Aber das erklärt längst nicht alles. Vielleicht ist es ja einfach so wie Anna Mayr in der Zeit schreibt „Menschen wählen rechts, weil sie rechte Politik richtig finden“[5] ! Wobei zumindest für mich die AFD längst keine rechte Partei mehr ist, sondern eine rechtsradikale fast schon protofaschistische Partei ist.
Ilko-Sascha Kowalczuk schrieb unlängst in einem Interview: „Es wurde immer so getan, als könne man das Problem durch eine andere Politik der anderen Parteien irgendwie in den Griff bekommen. Die Wahrheit ist aber: Die AfD könnte gegenwärtig einen Besenstil aufstellen, der würde auch gewählt werden.[6].“ Daran musste ich denken, als ich mir ansah, wer für die AfD in den Landtag nach Magdeburg einzieht[7].
Es war auch schon surreal anzusehen, wie der Spitzenkandidat der AFD mit seiner blauen Schwalbe durch’s Land zog – und dahinter folgten ihm seine Fans. Fast schon wie ein Messias mit seinen Jüngern. Die AFD ist es unzweifelhaft gelungen mit Ulrich Siegmund einen charismatischen Spitzenkandidaten aufzubauen. Das muss man einfach anerkennen! Ohne ihn wäre es der AFD wohl nicht möglich gewesen solch ein hohes Wahlergebnis einzufahren. Meines Wissens hat es solch einen „Erdrutschsieg“, also quasi eine Verdoppelung des Stimmenanteils in einer Wahlperiode, in der Geschichte der Bundesrepublik bei Landtagswahlen noch nie geben! Auch bei der CSU in Bayern in den 1950 Jahren nicht!
In Frankreich wird es im nächsten Jahr Präsidentschaftswahlen geben. Es könnte durchaus sein, dass Marine Le Pen diese Wahlen gewinnt. Wobei ich in Frankreich glaube, dass die Messe noch nicht gelesen ist. Da kann noch viel passieren. Aber zweifellos ist Marine Le Pen eine Politikerin, die hart am rechten Rand operiert. Aber zwischen dem völkischen Nationalismus der AfD und Marine Le Pen liegen Welten. Aber im Vergleich zur AfD erscheint der Rassemblement National von Marine Le Pen doch eher als eine moderatere Variante der autoritären Rechten.
Mit dem Wahlergebnis vom letzten Sonntag hat es die AfD auf jeden Fall geschafft, den letzten Rest der alten Bonner Republik mit ihren Gewissheiten zu Grabe zu tragen. Eine dieser Gewissheiten war, dass der „völkische Nationalismus“ ein für alle Mal in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden war. Das ist nun vorbei. Ilko-Sascha Kowalczuk hat wohl recht: Das autoritäre Zeitalter hat in Deutschland auch Einzug gehalten. Wobei ich durchaus auch glaube, dass sich diese Entwicklung auch noch aufhalten lässt!
Christophe Neff, 09.09.2026
[1] Der Verfasser des Paysagesblog führt seit Jahrzehnten ein Tagebuch, siehe u.a. hierzu „Blognotiz 20.06.2026: Über das Tagebuchschreiben“ und „Zum Welttag des Tagebuches am 12. Juni 2025“.
[2] Wenn man in der heilen Welt lebt, dann hat man auch viel zu verlieren. Nirgends im Westen ist die Zustimmung zur AfD höher als im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen. Dabei ist die Gegend wohlhabend, sind die Unternehmen innovativ, die Gemeinden reich. Der Spiegel 8/2026 S.67 – 70 (online hier).
[3] Dazu auch der Blogbeitrag „Schwäbisch – Französische Lesenotizen zu „Mein Schwaben“ von Vincent Klink“.
[4] Siehe auch „Wintersonnenwende 2024“.
[5] Mayr, Anna „Sie wollen lieber weniger Geld als mehr Syrer. Menschen wählen rechts, weil sie rechte Politik richtig finden. Und nicht, weil sie es schwer haben. Auch wenn das nachvollziehbarer wäre. Hören wir auf, uns zu belügen. Ein Kommentar von Anna Mayr. Die Zeit, 09.09.2026.
[6] Ich habe dieses Zitat von der Facebook Seite von Ilko-Sascha Kowalczuk entnommen. Das Interview erschien u.a. in der Allgemeinen Zeitung am 07.08.2926 unter dem Titel „AfD-Wahlsieg: „An der Schwelle zum autoritären Zeitalter“
[7] Siehe u.a. „Diese 39 AfDler kommen jetzt in den Magdeburger Landtag“, Die Zeit, 08.09.2026.