Selbst an mir ging der Medienhype um Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee (The Odyssey im amerikanischen Original) nicht spurlos vorbei.. Im Spiegel las ich beispielsweise den Beitrag von Wolfgang Höbel „Ein Männerdrama“[1]. Im Rundfunk hörte ich u. a. die Diskussionssendung „Von Trickstern und zweifelhaften Helden – Die moderne Welt der Odyssee“ in SWR Kultur[2]. Das weckte – aus welchem Grund auch immer – bei mir die Erinnerung an die Wiedererkennungsszene von Odysseus mit seinem Hund Argos aus dem 17. Gesang der Odyssee. Das ist in meinen Augen bestimmt eine der berührendsten Szenen der Weltliteratur! Hier erlaube ich mir, aus der Übersetzung von Roland Hampe aus dem gelben Taschenbuch der Reclam Universalbibliothek, die ich vor vielen Jahren einmal als Reiselektüre kaufte, zu zitieren:
„290 Und ein Hund lag da, der hob den Kopf und die Ohren,
Argos, des leidenprobten Odysseus Hund, den er selbst einst
aufzog, ohne sich seiner zu freuen; er ging ja zuvor schon
fort zum heiligen Ilion; früher, da führten die jungen
Männer ihn oft auf wilde Ziegen und Rehe und Hasen;
295 Nun aber, da sein Herr weit weg war, lag er verwahrlost
auf einer Menge von Mist, der von Maultieren und auch von
Rindern
da gehäuft vor den Toren lag, bis dass des Odysseus
Knechte ihn holten, den großen Bezirk des Königs zu düngen.
Dort lag Argos, der Hund, der von Hundeläusen bedeckt,
300 wedelte er mit dem Schwanz und senkte die Ohren, die beiden.
Doch er vermochte nicht mehr, zu seinem Herrn zu kommen.
Der aber blickte zur Seite und wischte sich eine Träne
ab, sie vor Eumaios verbergend, und fragte ihn dann mit den
Worten:
305 Merkwürdig ist’s, Eumaios, dass dieser Hund auf dem Mist
liegt. (Homer 1996, S. 286 & 287)
Tatsächlich kaufte ich mir das Reclam-Büchlein, um daraus den Studierenden, die mich bei meinen Feldarbeiten für meine Dissertation auf Stromboli unterstützten, vorzulesen[3]. Das war im Frühsommer 1997, nämlich den zehnten Gesang, der auf den äolischen Inseln spielt, zu denen auch die Insel Stromboli gehört. Das ist so eine Eigenart von mir gewesen, bei eigentlich physisch-geographischen, also naturwissenschaftlichen Exkursionen und Geländepraktika, geobotanischen Feldübungen immer wieder Kulturgeschichte, literarische Einsprengsel einzubauen. Aber das ist inzwischen auch Geschichte – und ob ich jemals wieder eine universitäre Lehrveranstaltung halten werde, steht in den Sternen. Aber ich teile nach wie vor die Ansicht, dass man Landschaftsgenese, die Entwicklung des Pflanzenkleides, aber auch Landschaftsfunktionalität nur ausreichend und umfassend erklären kann, wenn man Landschafts- und Kulturgeschichte der betreffenden Landschaft kennt.
Ein paar Jahre später kaufte ich mir dann auch „Die Landschaften Homers“ – also die deutsche Übersetzung des Buches „Celebrating Homer’s Landscapes“ von John Victor Luce –, um mein Landschaftsverständnis der historischen mediterranen Kulturlandschaften zu vertiefen. Aber tatsächlich reicht mein Interesse an der Odyssee bis in die früheste Kindheit zurück. Meine italienische Urgroßmutter hieß tatsächlich Penelope – Penelope Migliori. Wenn man dann als Kleinkind fragte, woher denn dieser so sonderbare Name herkomme, dann bekam man von der Mutter, die ja studierte Altphilologin ist, schon eine Einführung in die Odyssee! Penelope das war die Ehegattin des sagenumworbenen Odysseus und Mutter des Telemachos. Und so stellte ich dann als Kind ganz erstaunt fest, dass Odysseus in Frankreich „Ulysse“ genannt wurde, während er in Deutschland den Namen Odysseus trägt.
Als ich dann sechs Jahre alt wurde, erschien in Frankreich das Lied von Georges Brassens „Heureux qui comme Ulysse“ – welches auf dem gleichnamigen Sonett von Joachim du Bellay beruht – ziemlich berühmt und erfolgreich:
« Heureux qui comme Ulysse, a fait un beau voyage,
heureux qui comme Ulysse, a vu cent paysages,
et puis a retrouvé, après maintes traversées,
le pays des vertes années. [4]»
(„Glücklich wie Odysseus, der eine schöne Reise machte. Glücklich wie Odysseus, der hunderte Landschaften sah und dann nach vielen Überfahrten das Grün der Heimat wiederfand“ – Übersetzung C. Neff).
Ich kann es jetzt immer noch singen. Das Lied war eigentlich die Filmmusik des Films „Heureux qui comme Ulysse“, in dem Fernandel seine letzte große Filmrolle spielte.
Dann hatten wir Anfang der 1970er Jahre so ein Sagenbuch bekommen – mit einer recht sonderbaren Mischung aus antiken und mittelalterlichen Sagen. Das reichte von Prometheus, Jason und den Argonauten, der Odyssee, Narziss und Echo – bis hin zu Tristan und Isolde, Roland und Olifant, Beowulf und Grendel – soweit meine Erinnerung mich nicht täuscht. Das Buch habe ich immer wieder gelesen – als Kind, als Jugendlicher, sogar als Student habe ich hin und wieder darin einzelne Abschnitte gelesen. Ich weiß auch noch genau, in welchem Regal das Buch in unserem Haus im Lärchenweg in der Bergvorstadt Sulgen stand, aber den genauen Titel kann ich nicht mehr rekonstruieren. Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte das Buch bei der Haushaltsauflösung des Hauses im Lärchenweg in Schramberg mitgenommen und in meine Bibliothek integriert, aber dem scheint nicht so zu sein. Natürlich waren das nicht die Originalsagen, sondern für „junge Leser“ nacherzählte und in Teilen auch bebilderte Texte.
Und daneben gab es ja noch die „wunderschönen“ und „unvergesslichen“ Nacherzählungen der antiken Sagen von Harald Frommer auf unseren vielen gemeinsamen Italienreisen in den 1970er Jahren[5]. Im Grunde genommen war Harald nichts anderes als ein neuzeitlicher Sagenerzähler, der das antike Epos neu wieder erzählte und damit seinen Hörern erlaubte, selbst in die Welt der antiken Sagen einzutauchen. Es war, als wäre man mit Odysseus selbst durch das tosende Mittelmeer gefahren, selbst mit Zyklopen gekämpft und dann auch selbst als Schweinehirte verkleidet beim Anblick des sterbenden Argos eine stumme Träne vergossen. Im Hintergrund am Horizont, fern vom Strand in Zambrone, ragte der dunkle Stromboli wie ein gigantischer rauchender Wal aus dem Meer. Heute heißt der Strand übrigens Marina di Zambrone, das Dorf Zambrone befindet sich ja im Landesinneren im Gebirge. Der Blick vom Strand in Zambrone auf den Stromboli dürfte sich seit den 1970er Jahren – ja, eigentlich seit den Irrfahrten des Odysseus – kaum verändert haben. Ein paar Kilometer weiter im Süden, in den Dörfern des Aspromonte, wurde in den 1970er Jahren sogar noch der griechisch-kalabrische Dialekt (Dialetto greco-calabro) gesprochen; heute ist dieser Dialekt bzw. diese Sprache fast ausgestorben.
Das Interesse an der Odyssee hat die ganzen Jahre und Jahrzehnte dann doch überdauert, und ich kaufte mir erst kürzlich das Werk „Odysseus. Mythos und Wahrheit“ von Raimund Schulz und habe darin auch schon die ersten Kapitel gelesen.
Der Film von Christopher Nolan läuft auch in der Filmwelt in Grünstadt, aber ich werde ihn wahrscheinlich nicht besuchen können. Die postoperativen Komplikationen der Maladie de Mitterrand – die manchmal heftige Polyurie – lassen es mir fast utopisch erscheinen, so eine lange Zeit im Kino sitzen zu können, denn es ist auch ein Film mit erheblicher Überlänge. Genauso utopisch wie in nächster Zeit – wie schon oben beschrieben – universitäre Lehrveranstaltungen abzuhalten. Auch längere, weitere Reisen erscheinen mir zurzeit mehr als utopisch zu sein. Aber ich kann lesen – nochmals wie vor zwanzig Jahren Homers Odyssee in der Reclam Universalbibliothek durchlesen und im Gedanken auf Reisen gehen. Da muss ich mich auch an keine „Filmpause“ halten; nur ich allein bestimme das Lesetempo, die Geschwindigkeit, in der sich die Odyssee abspielt. Vielleicht sollte ich jedoch auch eine andere Übersetzung der Odyssee lesen. Aber welche ?
Vielleicht gibt es den Film von Christopher Nolan auch irgendwann als DVD oder bei Arte. Für mich bleibt die Erinnerung an die Verfilmung „die Fahrten des Odysseus“ mit Kirk Douglas und Silvana Mangano aus dem Jahr 1954 – einen Film, den ich schon mehrmals gesehen habe und der mir auch sehr gefallen hat.
Und soweit es den Hund Argos betrifft: Dieser Hund hatte doch auch seine Bedeutung für Christopher Nolan. Ohne Hund Argos keine Odyssee-Verfilmung, so Nolan: „I decided to do The Odyssey because it is the ultimate dog story“ („Ich habe mich für The Odyssey entschieden, weil es die ultimative Hundegeschichte ist“) im Cinemaexpress.
Unabhängig von Nolans Verfilmung der Odyssee wurden diese Woche in Sachsen-Anhalt römische Münzen gefunden, darunter auch eine Münze mit dem Münzbild des Odysseus mit seinem Hund Argos[6]. Ich habe das in der Zeit gelesen und auch dazu einen kleinen Kommentar hinterlassen[7]. Ein weiteres Exemplar dieser Münze befindet sich auch in der Sammlung des Münzkabinetts im Landesmuseum Stuttgart. Dieses Münzbild aus der römischen Antike zeigt wie bekannt diese Szene mit Hund Argos aus der Odyssee doch damals gewesen sein muss. Und in Nolans Film findet sich diese Szene auch wieder!
Ich finde es mehr als beachtlich, dass ein über 2500 – ja fast 3000 Jahre alter literarischer Text – noch heute, und sei es als Verfilmung, die Gemüter so beschäftigt. Um den Film ist ja ein regelrechter Medienhype entstanden. So wird die Neuauflage meiner im Jahre 1996 gekauften Reclamausgabe der Odyssee nun folgendermaßen vom Reclamverlag beworben: „Odyssee – Das mythische Heldenepos über die Irrfahrten des Odysseus – Der Originaltext zum Kino-Highlight von Christopher Nolan[8]“! Ich selbst werde mir vielleicht auch versuchen, meine Pléiade-Sammlung zu ergänzen und wohl irgendwann den Band Nr. 115 der Bibliothèque de la Pléiade „Homère Iliade – Odyssée“ anschaffen und lesen. Denn jede Übersetzung bietet ja auch Überraschungen!
Abschließend noch: Da ich doch in gewisser Weise auch in einem deutsch-französischen Kontext aufgewachsen bin, erscheint es mir schon so zu sein, dass in der französischen Alltagskultur Odysseus und die Odyssee – also Ulysse et l’Odyssée – bei Weitem präsenter sind als bei uns in Deutschland. Aber zumindest für Franzosen aus meiner Generation sind die Zeilen « Heureux qui comme Ulysse, a fait un beau voyage, heureux qui comme Ulysse, a vu cent paysages… » unvergesslich geblieben und wahrscheinlich auch im kollektiven Gedächtnis verhaftet. In Deutschland hingegen, so erscheint es mir, sind Odysseus und die Odyssee bisher weit mehr an die Rezeption im Bildungsbürgertum gebunden. Aber das könnte sich ja doch durch Christopher Nolans Film vielleicht ändern!
Letztendlich noch die Bemerkung, dass man in der englischsprachigen Wikipedia unter dem Namen „Argos (dog)“ einen ungewöhnlich gut recherchierten und geschriebenen Artikel über den Hund Argos findet.
Bibliographie und weiterführende Literatur
Höbel, Wolfgang (2026): Ein Männerdrama. Filme. Schon vor dem Kinostart wurde Christopher Nolans „Odyssee“ grob kritisiert. Zu Unrecht. Der Spiegel, 30, 2026, S. 96–97 (Online unter *„Christopher Nolans ‚Odyssee‘: Man liebt oder hasst diesen Film, lauwarmes Geht-so-Gelaber ausgeschlossen. Christopher Nolans ‚Odyssee‘ wurde schon vor dem Kinostart ordentlich runtergemotzt. Zu Unrecht. Der Film ist ein obsessives Männerdrama. Mit einem durch Selbsthass getriebenen Antihelden.“ Höbel, Wolfgang, Der Spiegel, 16.07.2026).
Homer; Hampe, Roland (Übers., Nachwort) (1996): Odyssee. Übersetzt von Roland Hampe. Oskar Kokoschka gewidmet. Stuttgart, 1996, © 1979 Philipp Reclam jun. Stuttgart, Universal-Bibliothek Nr. 280, ISBN 3-15-000280-X.
Homère (2006): Iliade – Odyssée. Trad. du grec ancien par Victor Bérard et Robert Flacelière. Édition de Jean Bérard et Robert Flacelière. Collection Bibliothèque de la Pléiade (nr. 115), ISBN 978-2-07-010261-7, Gallimard 1955, 2006.
Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie Sachsen-Anhalt (2026): Erster sicher nachgewiesener Hortfund von Denaren der Römischen Republik in Sachsen-Anhalt – Sensationeller Münzfund in Halle (Saale). Presseinformation, 22. Juli 2026, letzter Abruf 24.07.2026.
Luce, John Victor; Schuler, Karin (Übers.) (2000): Die Landschaften Homers. Aus dem Englischen übersetzt von Karin Schuler. Engl. Originalausgabe „Celebrating Homer’s Landscapes“. Stuttgart, 2000, „Celebrating Homer’s Landscapes“ © 1999 Yale University Press, © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-94279-3.
Neff, Christophe (2000): MEDGROW : Vegetationsdynamik und Kulturlandschaftswandel im Mittelmeerraum. Mannheimer geographische Arbeiten ; 52. Mannheim. ISBN 3-923750-80-3
Schulz, Raimund (2026): Odysseus. Mythos und Wahrheit. Stuttgart, © 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart, ISBN 978-3-608-12536-8.
Wikipedia contributors (2025): Argos (dog). Wikipedia, The Free Encyclopedia. Available at: https://en.wikipedia.org/wiki/Argos_(dog) (Accessed: 24 July 2026).
Christophe Neff, Juli 2026, veröffentlicht am 25.07.2026.
[1] Siehe Höbel, Wolfgang (2026): Ein Männerdrama. Filme Schon vor dem Kinostart wurde Christopher Nolans »Odyssee« grob kritisiert. Zu Unrecht. Der Spiegel, 30, 2026 S.96 – 97.
[2] Siehe SWR Kultur (2026): Von Trickstern und zweifelhaften Helden – Die moderne Welt der Odyssee. SWR Kultur Forum, 10.07.2026, letzter Abruf 24.07.2026.
[3] Tatsächlich ziert ein Bild des Vegetation auf Strombili die Buchversion „Medgrow“ meiner im Jahr 2000 in den Mannheimer Geographischen Arbeiten gedruckten Dissertation.
[4] Youtube Version des Chanson « Heureux qui comme Ulysse » von Georges Brassens interpretiert !
[5] Professor Dr. Harald Frommer, Lehrerkollege meines verstorbenen Vaters am Gymnasium Schramberg. Thomas Mann Experte und begnadeter Erzähler. Mein Eltern waren mit dem Lehrerehepaar Gabi und Harald Frommer befreundet ( siehe u.a. auch Schwäbisch – Französische Lesenotizen zu „Mein Schwaben“ von Vincent Klink). Wir verbrachten auch einige Urlaube in den 1970 Jahren. Darunter eine fast legendäre Urlaubsreise mit zwei Wohnwagen über Florenz, den Solfatara, Paola, Zambrone bis an den Fuß des Ätnas in Sizilien. Daneben sehr viele Pfingstferien am Lago di Mergozzo bei denen ich bis zu Beginn meiner Pubertät immer mit dabei war.
[6] Siehe: Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie Sachsen-Anhalt (2026): Erster sicher nachgewiesener Hortfund von Denaren der Römischen Republik in Sachsen-Anhalt – Sensationeller Münzfund in Halle (Saale). Presseinformation, 22. Juli 2026, letzter Abruf 24.07.2026.
[7] Siehe: Die Zeit (2026): Archäologischer Fund: 2000 Jahre alte römische Silbermünzen in Sachsen-Anhalt entdeckt. In Halle an der Saale sind fünf Münzen aus der Zeit der Römischen Republik entdeckt worden. Die Silbermünzen sind laut archäologischem Landesamt mehr als 2.000 Jahre alt. Die Zeit, 22. Juli 2026, letzter Abruf 24.07.2026.
[8] Sreenshot der Werbung des Reclamverlages auf dem Internetarchiv hier (24.07.2026) !